Josef Bloderer

(1914 – 1994)

 Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus

 

  • Quelle: Dokumentation über den antifaschistischen Widerstand Steyr. 2008
  • Otto Treml: Widerstandskämpfer zum Tod verurteilt und enthauptet. Manuskript

 Josef Bloderer war Kontrollarbeiter der Steyr-Werke, mehrmals verhaftet (1934-1938) und zum Tode verurteilt 1944; geflohen.

  • Seit 1934 KP-Funktionär
  • 1945 Bezirksobmann der KPÖ-Steyr
  • Gemeinderat der Stadt Steyr
  • Landesparteisekretär der KPÖ 1946-1948
  • Personalchef im Erdölgebiet Zistersdorf und anschließend im USIA-Betrieb Böhlerwerk in Waidhofen / Y.
  • Nach 1955 in Privatwirtschaft

 Sepp Bloderer wuchs in den Traditionen der Arbeiterbewegung auf, war ein geübter Bergsteiger und Sportler. 1938 musste er einrücken und machte den Polen- und Frankreichfeldzug  mit. Ende 1940 wurde er von den Steyr-Werken als Rüstungsarbeiter zurückgeholt. Zusammen mit anderen Kommunisten baute er eine antifaschistische Widerstandsbewegung auf, die zeitweilig bis zu 300 Personen umfasste.

Im Juli 1942 wurden in mehreren Zugriffen der Gestapo insgesamt 36 Personen verhaftet. Am 24. Mai 1944 wurden vom Volksgerichtshof sechs Todesurteile gefällt, vier davon vollstreckt. Sepp Bloderer und Franz Draber gelang die Flucht aus der Todeszelle.

Sepp Bloderer erzählte:

„Als wir drei Steyrer Franz Draber, Karl Punzer und ich in eine gemeinsame Zelle der Todesabteilung gelegt wurden, fanden wir zwei Geldscheine, einen Zwanzig- und einen Fünfzigmarkschein, den ein vor uns verurteilter und hingerichteter Mithäftling versteckt hatte. Wir teilten das Geld und mussten dazu Hölzlziehn. Ich ging dabei leer aus.

Wir waren schon sechs Monate in der Todesabteilung stationiert und jeden Tag konnten wir drankommen. In den letzten Tagen wurden wir häufig zum Wassertragen eingesetzt, weil durch einen Bombenangriff die zentrale Wasserversorgung zerstört war. Das Zuchthaus Stadelheim verbrauchte viel Wasser, um Fallbeil und Hinrichtungsraum zu säubern. Denn täglich, auch an Samstagen, wurden 20 bis 45 Hinrichtungen durchgeführt. In großen Kannen, die wie „Mullipitschen“ ausschauten, schleppten wir das Wasser.

In der Todeszelle kreisten unsere Gespräche um die Frage, auf welche Weise eigentlich das Wasser ins Gebäude kam. Wir waren überzeugt, dass ein Tor in den Vorhof zu den Aufseherwohnungen offen sein musste, weil das Wasser in einem Schlauch hereingeleitet wurde, und der würde ja bei geschlossenem Tor abgeklemmt werden.

Wir kannten uns auf dieser Seite des Gefängnisses ziemlich gut aus, weil wir schon lange da waren und in der langen Untersuchungshaft auch öfter zu Arbeiten für die Aufseher eingesetzt wurden. Franz Draber musste einige Schlösser reparieren. Karl Punzer war Tichler und die Gefängnisverwaltung nutzte seine gediegenen Fähigkeiten weidlich aus. Er musste manchmal im äußeren Hof, also schon jenseits der Aufseherwohnungen, Möbel zerlegen oder Teile zusammenbauen. Dabei machte er eine äußerst wichtige Entdeckung: in der Mauer befand sich eine kleine unversperrte Tür, durch welche die Frauen der Wachebeamten aus- und eingingen, wenn sie nach draußen mussten.

Am 30. November 1944 war es dann soweit. Früh am Vormittag, etwa um 8.30 Uhr, waren wir zum letzten Mal zum Wasserdienst eingesetzt. Wir ließen die Kanne fallen und in der entstandenen Verwirrung rannten wir los. Die Aufseher schrien wild hinter uns her, sie waren wegen der großen Gefahr in der Todesabteilung unbewaffnet und konnten dadurch nicht auf uns schießen. Wir rannten durch das Tor, durch das der Wasserschlauch gelegt war, kamen in ein Aufseherhaus hinein und wieder hinaus, stürmten über den äußeren Hof auf die kleine Pforte zu und die winzige Tür war offen. Dann liefen wir vereinbarungsgemäß jeder in eine andere Richtung weiter. Franz Draber verlor ich rasch aus den Augen, aber ich sah noch, wie Karl Punzer zusammenbrach. Er wurde gefangen und einige Tage später hingerichtet.

 Zwischen Gräbern verborgen

Vor den Mauern draußen arbeiteten Gefangene. Sie wurden von den Aufsehern angetrieben, mir den Weg abzuschneiden. Ich rannte zunächst über einen Sturzacker, dann musste ich, um meinen Verfolgern auszuweichen, in den nahe beim Gefängnis liegenden Friedhof hinein. Später hat es geheißen, ich sei in ein offenes Grab gesprungen. Aber da wäre ich im Ernstfall gefangen gewesen wie ein Wolf in der Grube.

Ich legte mich daher zwischen zwei frische Gräber und zog von beiden Grabhügeln einen Haufen frischer Kränze über mich. Hier lag ich etwa dreiviertel Stunden. Die Verfolger liefen vorbei, sie hatten inzwischen auch einen Suchhund eingesetzt. Aber der Hund war überfordert, weil alles überstürzt vor sich ging. Er hätte zuerst in meine Zelle geführt werden müssen, um meine Witterung aufzunehmen zu können. Dies war nicht geschehen, und so kläffte der Hund zwar wild herum konnte mich aber nicht entdecken.

Meine Rettung war ein Fliegeralarm: meine Verfolger mussten abrücken. Während in der Nähe die Bomben krachten, kroch ich vorsichtig aus dem Friedhof hinaus. Das Gelände bestand abwechselnd aus Wald- und Wiesenstreifen, die jeweils eine Tiefe von einigen hundert Metern hatten. Ich sah zwei uniformierte Radfahrer und sprang in einen Splittergraben. Es war ziemlich nebelig und schließlich kam ich nach etwa einer Stunde an die Autobahn München-Salzburg heran. Sie war für Fahrzeuge gesperrt, weil die Messerschmitt-Jäger sie als Startbahn benützten. Ich ging durch eine Autobahnunterführung und befand mich plötzlich inmitten einer Anzahl von Uniformierten.

 „Totengwandl“ bot einige Tarnung

Wahrscheinlich trug meine Kleidung viel zu meiner Rettung bei. Das „Totengwandl“, wie wir Häftlinge diese Kluft nannten, bestand nämlich aus ausgedienten Uniformen der schwarzen SS, ohne die auf den Häftlingskleidern üblichen Streifen. Es war einer Eisenbahneruniform ähnlich.

Bei einer netzgetarnten Flak-Stellung stoppte mich ein Soldat und fragte nach meinem Ausweis. Ich erklärte, dass ich bei den BMW dienstverpflichtet und dort gerade einem Bombenangriff entkommen sei. Meine Frau sei in ein Dorf evakuiert, ich müsse sie suchen, damit sie wisse, dass ich davongekommen sei. „Man soll den Vogel zum Leutnant bringen“, meinte einer, der andere sagte „Hau ab!“ Ich sprang über die Böschung hinunter.

Die Füße schmerzten, es begann zu schneien.

  • Der Weg ging nach Rosenheim, Richtung Salzburg, Gmunden, Micheldorf, nach Leonstein.

In Leonstein suchte ich Bekannte aus der Kinderfreunde-Zeit auf.

In der kleinen Wohnung erklärte mir der Bekannte, dass er mich nicht lange behalten könne. Während wir sprachen, kam auch schon ein älterer, weißhaariger Mann herein. Der Sensenschmied-Freund berichtete diesem zögernd von meinem „Fall“. Zu unserer Überraschung sagte der Eisenbahnpensionist sofort, es sei gut, dass man endlich was gegen die Faschisten tun kann. Der Eisenbahner war ein erfahrener Sanitäter. Er schnitt mir die Fetzen von meinen blutverkrusteten Füßen. Er gab mir lauwarme Magermilchsuppe zu essen. Erst da fiel mir auf, dass ich seit dem Ausbruch am 30. November bis 8. Dezember keinen Bissen gegessen habe.

Bei einem Bauern in einem abgelegenen Graben konnte ich versteckt werden. Durch die Hilfsbereitschaft von meinen Genossen kam ich ins Ennstal nach Kleinreifling.

Am 1. Mai 1945 kam ich hinter den Resten der geschlagenen deutschen Armee aus dem Ennstal heraus und begann in Steyr-Münichholz sofort mit der Parteiarbeit.“

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