Josef Stohl

(1877 – 1956)

Letzter Lebzelter und Wachszieher in Steyr

•    Geboren am 25. Dezember 1877
•    Verstorben am 26. August 1956

Josef Stohl stammte mütterlicherseits von der Familie Haller ab, die in Steyr seit Jahrhunderten in der Engen Gasse und im Steyrdorf das Lebzelter- und Wachsziehergewerbe ausübte. Väterlicherseits war er ein Nachkomme der Steyrer Stadtzimmermeisterfamilie Stohl.
Josef Stohl war nicht nur für seine Erzeugnisse berühmt, sondern auch wegen seines Verständnisses für die Bewahrung historischer Zeugnisse der Handwerkskunst. Außerdem bemühte er sich das Leben von bedeutenden Bürgern der Stadt zu dokumentieren.

Josef Stohl präsentierte seine herrlichen Stücke des Lebzelterhandwerks bei Ausstellungen in der Wiener Messe 1932 (siehe: Artikel aus dem Steyrer Kalender 1933).

•    Quelle: Nachruf in der Steyrer Zeitung vom 30.August 1956

„Der letzte Lebzelter von Steyr ist tot“

Mit Josef Stohl werden Jahrhunderte der Tradition zu Grabe getragen.
Herr Josef Stohl, der wegen seiner liebenswürdigen Art sehr beliebt war und als „letzter Lebzelter“ aus der traditionsreichen Familie der Haller bei den Heimatkundigen weit über Steyr hinaus einen fast legendären Ruf genossen hat, ist am Sonntag, den 26. August, im 79. Lebensjahr einem Verkehrsunglück zum Opfer gefallen.
Herr Josef Stohl machte am Sonntag nachmittag mit seiner Gattin einen Spaziergang über den Wachtberg. Um 16.45 Uhr ereignete sich das Unglück. Herr Stohl überquerte die Straße und wurde dabei von dem bergwärts fahrenden Motorrad des J.R. aus Sierning erfasst, mehrere Meter weit mitgeschleift und in den Straßengraben geschleudert. Josef Stohl blieb mit einem Schädelbruch, einem Beinbruch sowie anderen Verletzungen bewusstlos liegen. Bereits kurze Zeit nach dem Unfall wurde er in die Unfallstation des Landeskrankenhauses Steyr eingeliefert, doch war jede Hilfe zu spät; er starb in der darauffolgenden Nacht.
J.R., dessen Gattin sowie deren 3 ½ Jahre altes Kind, das Frau R. in einem Rucksack mitführte, erlitten bei dem Sturz leichte Verletzungen.

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Josef Stohl entstammte in direkter Linie der alten Wachszieher- und Lebzelterfamilie der Haller, die seit 500 Jahren ihr Gewerbe im berühmten Lebzelter-Haus beim Roten Brunnen ausübte. Stohls Mutter war eine gebürtige Haller und als der letzte männliche Sproß der Familie, Franz Haller, starb, erlernte Josef Stohl das Wachszieher- und Lebzeltergewerbe, damit die Jahrhunderte alte Tradition nicht abreiße. Doch nicht nur die Haller, sondern auch die Stohl zählen zu den ältesten Patriziergeschlechtern der Eisenstadt. Die Stohl stellten durch Generationen den Stadtzimmermeister; ihr Ahnenhaus ist das Gebäude „Zwischenbrücken 1“.
Das Wachszieher- und Lebzeltergewerbe hat in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zusehends an Bedeutung verloren, doch Josef Stohl hing an der ererbten Arbeit. Er arbeitete bis in seine letzten Tage; er war darin geradzu ein Künstler wie seine Vorfahren. Von Josef Stohls Handfertigkeit zeugen die prachtvollen Zierkerzen, die im Lebzelterhaus beim Roten Brunnen zum Verkauf ausgestellt sind. Von der kunsthandwerklichen Vergangenheit der Haller aber zeugt das ganze Haus. Grafen, Professoren, Künstler, Heimatforscher und Journalisten waren bei Josef Stohl zu Gast. Sie alle waren erstaunt über die Schätze der Tradition, die in diesem Hause aufbewahrt sind.
Das Lebzelterhaus ist ein Museum für sich, wenn man unter „Museum“ hier die Bewahrung kunstgeschichtlicher und heimatkundlicher Werte versteht. Man findet hier Lebzeltformen aus dem 15. Jahrhundert, die damals von den Lebzeltern selbst geschnitzt wurden; daneben gibt es uraltes Handwerksgerät, das Zunftschwert der Lebzelter, ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert, die Handschrift von Preuenhueber „Annales Styrenses“, alte Stiche, die das Stadtbild Steyrs in früheren Jahrhunderten zeigen, ein vielerlei von Relikten aus dem Mittelalter und auf dem Tisch, auf dem heute noch Met getrunken wird, steht die Jahreszahl 1630.
In den Schränken stehen zahlreiche Zinnkrüge, aus denen vor 1914 noch Met getrunken wurde, aber jetzt hat man für diese Romantik kaum mehr einen Sinn.
Die Wohnräume im Hause Stohl bewahren unzählige Gegenstände der Familiengeschichte, Porträts, Miniaturen, Bücher, Schränke, darinnen feinste Ware der Damen aus dem Hause Haller: Trachten, Kopfputz, Schmuck, Tücher aus Kaschmir sowie gestickte Mieder … ein Erbe, wie es in Steyr kein zweites gibt.
Das war alles mit Josef Stohl verbunden, denn er hat da Familienerbe mit großem Verständnis gepflegt. Dabei wurde er von seinem Bruder (Baumeister Franz Stohl)  unterstützt, der im Jahre 1945 verstorben ist.
Josef Stohl war der letzte Wachszieher und Lebzelter. Ihm, und seiner Gattin Maria, geb. Cordina, waren Kinder versagt. Die Witwe des Verunglückten wird das Gewerbe vorläufig weiterführen und sie ist somit die letzte Trägerin des Erbes, das Jahrhunderte der Geschichte Steyrs mitzählt.

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